Der Fall Collini
Marco Kreuzpaintner, Allemagne, 2019o
Un avocat accepte de défendre un homme accusé d'avoir tué un vieil homme d'affaire. En enquêtant sur cette affaire, ce jeune homme de droit s'apprête à découvrir le plus gros scandale juridique de l'histoire allemande et une vérité à laquelle personne ne veut se confronter.
Keine Frage: Ferdinand Schirachs 2011 erschienener Erfolgsroman Der Fall Collini ist melodramatisch angelegt, seine Verfilmung in den Rückblenden vorwiegend Staffage, deren Regie solide Fernsehkonvention. Doch kaum verlagert sich die Handlung in den Gerichtssaal, setzt sich der Jurist von Schirach gegen den Schriftsteller durch und damit der eigentliche historische Gehalt gegen die angestrengte historische Konstruktion. Um es zu konkretisieren: Buch und Film erzählen die fiktive Geschichte des pensionierten italienischen Gastarbeiters Collini, der 2001 einen 80jährigen deutschen Industriellen in einem Berliner Luxushotel erschiesst, sich sogleich der Justiz stellt, über sein Motiv aber bis weit in die Gerichtsverhandlung hartnäckig schweigt. Collinis unerfahrenem jungen Pflichtverteidiger Caspar Leinen bleibt es überlassen, die Verbindung zwischen Mörder und Opfer zu recherchieren. Dabei ist Leinen akut befangen ist, weil er als Arbeiterkind der Schützling des Ermordeten und später liiert mit dessen Enkelin war. Und damit nicht genug: Der zivile Co-Kläger im Fall Collini ist Leinens Ex-Professor und war 1968 beteiligt an einer Gesetzesänderung, die zu Verjährung zahlloser NS-Kriegsverbrechen führte. Was diesen Gerichtsthriller in der zweiten Hälfte zum überraschenden Nervenkitzler macht, ist die Verflechtung all dieser Hintergründe. Hinzu kommen reizvolle Besetzungen gegen den Strich: Elia M'Barek, der coole türkischstämmige Beau, der mit der Paukerkomödie Fack ja Göhte zum deutschen Publikumsliebling wurde, spielt den anfänglich herrlich ungeschickt agierenden Junganwalt, Heiner Lauterbach – der notorische Womanizer aus Männer und Rossini – dessen stocksteifen juristischen Gegenspieler, der alte Italowestern-Star Franco Nero schliesslich den wortkargen Rachenegel Collini. Und eben: Die skandalöse deutsche Nachkriegsjustiz, um die es von Schirach wirklich geht, verleiht den theatralischen Verwicklungen einen starken wahrhaftigen Boden.
Andreas FurlerGalerie photoso
